Grüne OV Rottweil-Zimmern

Ursula Sladeks Eröffnungsrede auf dem Rottweiler Zukunftsmarkt


Ursula Sladek wünschte sich in ihrer Eröffnungsrede auf dem Rottweiler Zukunftsmarkt mehr rebellischen Geist und mehr Begeisterung für die Energiewende. Und so sah ihr Blick in die Zukunft aus:


Auf dem Weg in eine nachhaltige und klimaschonende Zukunft

Das Thema dieses Morgens: auf dem Weg in eine nachhaltige und klimaschonende Zukunft. Der Begriff „nachhaltig“ wird in den letzten Jahren geradezu inflationär gebraucht und verliert dadurch an Aussagekraft. Die Unternehmenspolitik von Autokonzernen ist ebenso nachhaltig (was auch immer das heißen mag, darüber könnte man jetzt lange sinnieren) wie die Flüchtlingspolitik oder der nachhaltige Einkauf. 

Nachhaltigkeit ist ein Begriff aus der Forstwirtschaft und bezeichnet das „forstwirtschaftliche Prinzip, nach dem nicht mehr Holz gefällt werden darf, als jeweils nachwachsen kann. In der modernen, umfassenden Bedeutung heißt das, das nicht mehr verbraucht werden darf, als jeweils nachwachsen, sich regenerieren, künftig wieder bereit gestellt werden kann. Nachhaltigkeit ist ein populär gewordener Fachbegriff, der erst mal keine Emotionen weckt oder zur Aktivität auffordert. 

Daher würde ich diesen Begriff gern ersetzen durch das Wort „Enkeltauglichkeit“. Wenn ich in die Augen meiner Enkel schaue, dann weiß ich wofür ich mich gern und voll Freude engagieren will: Die Welt so zu erhalten und gestalten, dass auch Ihnen und Ihren Kindern und Kindeskindern ein gutes Leben möglich ist.

Das ist ja der Wunsch aller Eltern, aber dafür muss man eben auch etwas tun. Und: es geht ja nicht nur um die Zukunft der eigenen Kinder, sondern um alle Kinder, ja um alle Menschen, und nicht nur in Deutschland oder Europa sondern in der ganzen Welt.

Diese globale Dimension erschließt sich schnell im Zusammenhang mit der Klimaproblematik, die Auswirkungen besonders in den Ländern und bei den Menschen hat, die selbst am wenigsten Klimagase verursachen.  Schon heute kann man weltweit die Folgen der Klimaerwärmung erkennen: Abschmelzen der Polkappen, Ansteigen der Meeresspiegel, extreme Wetterereignisse wie Starkregen und langanhaltende Dürren. Über 1000 Klima- Experten haben nachgewiesen, dass die Klimaveränderungen menschengemacht sind. Wir als eine der reichen Industrienationen mit einem sehr hohen Ausstoß von Klimagasen haben daher eine besondere Verantwortung, der wir gerecht werden müssen.

Verantwortung nicht nur als moralische Forderung, sondern durchaus als Notwendigkeit für unser eigenes Leben. Gerade die Entwicklung im Energiebereich in Deutschland zeigt, wie wichtig das Engagement des Einzelnen, allein oder im Zusammenschluss mit anderen ist. Nur durch Bürgerengagement konnten wir in Deutschland aktuell 30 % Erneuerbare Energien erreichen!

Klimaschutz ist nicht nur eine sehr wichtige Voraussetzung für eine enkeltaugliche Zukunft, sondern steht in engstem Zusammenhang mit anderen zentralen und wichtigen Aufgaben: dem Schutz des Bodens, z.B. der durch lang anhaltende Dürren ebenso wie durch Überschwemmungen für den Anbei von Pflanzen nicht mehr zur Verfügung steht. 

Beispiel Bangladesch: Wie wird es hier im Jahr 2050 aussehen? Die Anzahl der Einwohner wird trotz rückläufiger Geburtenraten auf 220 Millionen angewachsen sein. Doch ein Großteil des heutigen Gebiets wird unter Wasser stehen. Als Folge des globalen Klimawandels könnte der Meeresspiegel noch in diesem Jahrhundert um mehr als einen Meter ansteigen. Zehn bis 30 Millionen Bangladeschi an der Südküste des Landes würden dann ihr Zuhause verlieren und gezwungen sein, noch enger zusammenzurücken. Oder als Klimaflüchtlinge das Land zu verlassen.

Oder dem Schutz des Wassers: während in vielen Gegenden häufige Starkregen und Überschwemmungen drohen, ist in anderen Regionen der Wassermangel sehr bedrohlich. Das betrifft nicht nur ländliche Räume sondern durchaus auch Großstädte – wie z.B. Lima in Peru. Der Wassernotstand verschärft sich dort immer schneller und ist für die 10 Millionen Stadt ein kaum noch zu beherrschendes Problem. Liegt Lima schon ohnehin an der extrem trockenen Pazifikseite und ist quasi eine Wüstenstadt, werden die Klimaveränderungen bis zum Ende des Jahrhunderts die Niederschläge bis zu einem Drittel noch mal reduzieren.

Doch das ist nicht das Einzige: die meisten der 2500 peruanischen Gletscher schrumpfen rapide - und schmälern damit sukzessive die Wasserreservoire für Millionen.

Die Energiewende spielt eine große Rolle bei der enkeltauglichen Zukunft. Meist denken wir bei der Energiewende nur an den Strombereich, aber sie umfasst ja viel mehr: die Mobilität, die Wärmeversorgung, unsere Ernährung – um ein paar Beispiele zu nennen.  Die Landwirtschaft in Deutschland trägt maßgeblich zur Emission klimaschädlicher Gase bei. 

Dafür verantwortlich sind vor allem Methan-Emissionen aus der Tierhaltung, das Ausbringen von Wirtschaftsdünger (Gülle, Festmist) sowie Lachgas-Emissionen aus landwirtschaftlich genutzten Böden als Folge der Stickstoffdüngung (mineralisch und organisch).

Bei der konventionellen Rinderhaltung entstehen für ein Kilogramm Fleisch, Gase mit einer Treibhauswirkung, die der von etwa 36 Kilogramm Kohlendioxid entspricht.

Zum Vergleich: 36 Kilogramm Kohlendioxid stößt ein durchschnittliches europäisches Auto auf 225 Kilometern Fahrt aus. 

Warum erzähle ich Ihnen das? Weil das kaum jemand weiß. Auch mich hat die Zahl in dieser Größenordnung sehr überrascht. Ich will Ihnen aber keineswegs den Genuss eines saftigen Steaks oder einer leckeren Rindsroulade vermiesen – ganz im Gegenteil. Auch für die enkeltaugliche Zukunft ist nicht alles verboten, was gut schmeckt oder Spaß macht.

Aber es ist wichtig, sich zu informieren, Zusammenhänge zu erkennen und dann bewusst zu entscheiden: was will ich und wieviel davon. Und dann das, wofür man sich entschieden hat, wirklich zu genießen – das gilt nicht nur für das Stück Fleisch auf dem Teller!  

Lassen Sie uns nach diesem kurzen Ausflug auf den Mittagstisch zur Energiewende im engeren Sinn zurückkommen, zur Umstellung der Energieversorgung durch Atom- und Kohlekraft auf Erneuerbare Energien. Da sind wir in Deutschland in den letzten Jahren schon ganz schön weit gekommen. 

Im Jahr 2014 überholten Sonne, Wind, Biomasse und Co. zusammen erstmals die Braunkohle, die bis dahin den höchsten Anteil im deutschen Strommix innehatte. Den gigantischen Zubau der Erneuerbaren auf nunmehr knapp 30 % des Bruttostromverbrauchs verdanken wir in erster Linie dem Erneuerbaren Energien Gesetz, dem EEG. In zweiter Linie den Bürgern, die einfach gehandelt haben: die Photovoltaikanlage auf das Dach, gemeinsam ein Windrad errichtet und in die Zukunft investiert. Jede zweite Kilowattstunde Strom aus Erneuerbaren Energien wurde von Bürgern und Bürgergesellschaften finanziert – eine echte Bürgerenergiewende!  Der Bürger ist zu mehr bereit.

Doch unter dem Druck der großen Energieversorger auf die Politik hat sich einiges geändert. Nicht mehr so schnell soll die Energiewende vonstatten gehen, ein ganzes Instrumentarium wurde im EEG 2014  zur Verlangsamung der Energiewende geschaffen.  

Und dies - obwohl die Klimaforscher uns eindringlich auffordern, die Energiewende nicht zu bremsen, sondern im Gegenteil -  angesichts der globalen Bedrohung durch die Klimaerwärmung -   zu beschleunigen. Der Ausbau der Photovoltaik z.B. ist im Jahr 2015 in Deutschland sehr deutlich eingebrochen verursacht durch den Wechsel zu Ausschreibungen, der EEG Umlagenbelastung auch beim Eigenstromverbrauch und immer größer werdenden bürokratischen Aufwand.

Mit dem Wechsel zu Ausschreibungen beim Wind mit der EEG-Novelle 2016 ist bei der Windkraft das gleiche zu befürchten. Schon jetzt stagniert das Repowering, weil die Akteure massiv verunsichert sind. 

Hier sieht man deutlich, welche Auswirkungen es hat, wenn die Politik nicht den geeigneten Spielraum für Veränderungen schafft, aber so ist das ja auch von der Politik gewollt. Das Thema „Energieproduktion“ soll wieder bei den großen Energieversorgern angesiedelt werden, wohingegen Bürgergesellschaften, Genossenschaften usw. entgegen aller anders lautenden Beteuerungen weitgehend außen vor bleiben sollen.

Die EEG Novellierung 2014 und die geplante Novellierung 2016 zeigen an zwei ganz entscheidenden Stellen, was falsch läuft bei der Energiewende: Die Politik setzt die Energiewende nicht konsequent und kraftvoll um und lässt außer Acht, dass die Energiewende nur zusammen mit den Bürgern umgesetzt werden kann.  

Wollte man alle aktuellen Forderungen an die Politik zur möglichst schnellen Umsetzung der Energiewende aufzeigen, so würden wahrscheinlich Tage dazu nicht ausreichen. Bei vielen Themen ist die unmittelbare Einflussnahme von Bürgern sehr begrenzt, aber dennoch sollten wir unsere Bedeutung für das Gelingen der Energiewende nicht unterschätzen – ich würde sogar behaupten, dass Gelingen hängt von uns Bürgern ab.  Wir müssen selbst aktiv werden, damit die Energiewende vorangebracht wird, all unsere Lebensbereiche auf den Prüfstand stellen ob sie mit Klimaschutz und Energiewende vereinbar sind.

Wie oft höre ich  -  auch von Menschen die genug Geld haben -  dass Bahnfahren im Verhältnis zum Fliegen zu teuer sei – obwohl Fliegen die nachgewiesener Weise umweltunfreundlichste Art zu reisen ist. 

Bei der EWS heißt eine festgeschriebene Regel: „Wir fliegen nicht im Inland“ und wenn es sich vermeiden lässt auch sonst nicht. Wir nehmen für Geschäftsreisen und – was Vorstand und Geschäftsführung betrifft auch im privaten Bereich – nie das Flugzeug. Das geht soweit, dass wir bei Geschäftspartnern z.B. aus Berlin oder Hamburg abfragen, mit welchem Verkehrsmittel sie zu uns kommen und darauf Einfluss nehmen. Dies vor dem Hintergrund, dass Flugreisen „ökologische Schadensmaximierung“ bedeutet, denn „Was könnte ein Einzelner sonst tun, um mit vergleichsweise geringem Aufwand an Geld und Zeit jegliche Klimaschutzbemühungen optimal zu torpedieren“ wie Niko Paech, anerkannter Ökonom und Postwachstumsforscher in einem Artikel der Süddeutschen Zeitung schrieb.

Bei dieser Regelung der Mobilität für das Unternehmen und seine Mitarbeiter ernten wir oft Unverständnis, aber folgende Zahlen sind eindrücklich: Auf 6196 Flugkilometern von Frankfurt nach New York jagt ein Jumbo 78 Tonnen Treibstoff durch die Düsen. Selbst wenn man diese gigantische Menge auf alle Fluggäste umlegt, verbraucht jeder inklusive Rückflug so viel Benzin, wie sein Auto im ganzen Jahr konsumiert.

Außerdem belastet jeder Liter Sprit, der in Jet-Turbinen verbrennt, das Klima zwei bis dreimal so stark wie ein Liter Autokraftstoff weil in den Höhen, in denen Flugzeuge fliegen, die Schadstoffe viel wirksamer sind. 

Auch das Bundesumweltamt bestätig, dass Fliegen die klimaschädlichste Art des Reisens ist  - was für Kurzstreckenflüge ganz besonders zutrifft, weil beim Starten und Landen besonders viel Schadstoffe erzeugt werden.

Natürlich wird es immer Anlässe geben, bei denen man am Fliegen nicht vorbeikommt, aber das sind sehr viel weniger als man denkt. 

Ich bin früher auch geflogen – sogar gern – aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass das langsame Reisen unzweifelhaft mehr Freuden hat: es macht mehr echte Erfahrungen möglich, man entdeckt Orte, an denen man normalerweise mit großer Geschwindigkeit vorbeirast, man  nimmt das Leben einfach so wie es kommt.  

Und dann bin ich als unverbesserlicher Optimist ganz hoffnungsfroh – im Laufe der Zeit werden viele Menschen feststellen, dass das langsame Reisen mehr Lebensqualität hervorbringt und nicht wie befürchtet weniger.

Was mir oftmals fehlt, ist die Begeisterung für die Energiewende, ich höre zu viele Einwände und Bedenken. Die Elektrizitätswerke Schönau planen gerade im Südschwarzwald einen kleinen Windpark mit 5 Windenergieanlagen und wir erleben genau das Gleiche, was Investoren an vielen anderen Standorten auch widerfährt: die Bewohner sind selbstverständlich auch für die Energiewende, aber doch bitte nicht bei uns. Dies lässt sich leicht sagen, wenn man nicht zu den Dörfern gehört, die durch den Braunkohleabbau abgebaggert werden oder kein potentieller Standort für ein Atommülllager ist. Und die Auswirkungen des Klimawandels bekommen wir noch zu wenig zu spüren, unsere Existenz ist durch den Klimawandel auch noch nicht bedroht.  

Was ist zu tun? Ganz praktisch einmal: jeder von uns hat wahrscheinlich Freunde, Verwandte, Arbeitskollegen, denen bis jetzt die Energiewende mehr oder weniger egal ist oder die die Klimaveränderungen nicht wahrhaben wollen. Könnte nicht jeder von uns sich für einen bestimmten Zeitraum – sagen wir mal drei Monate – vornehmen, mindestens zwei Menschen für die Energiewende zu begeistern? Und dabei – ich nehme an, dass nicht alle schon in allen Bereichen absolut klimafreundlich handeln – sein eigenes Verhalten an weiteren  zwei oder drei Stellen Energiewende kompatibel machen?

Das hört sich ja jetzt ziemlich sozialromantisch an – obwohl Menschen zu überzeugen, mit zu den schwersten Aufgaben gehört, die es überhaupt gibt und das mit Romantik wenig zu tun hat.

Aber sei`s drum: nichts hindert uns, einen Schritt weiterzugehen und einen Blick in unseren Geldbeutel zu werfen. Wie wäre es denn, wenn wir in die Energiewende investieren, ohne Hinblick darauf, welche finanzielle Rendite zu erwarten ist. Viel zu schnell wird immer die Frage gestellt „rechnet sich das denn?“  Eine Frage, die wir beim Autokauf oder anderen Dingen, die wir haben möchten, nicht stellen.

Wir könnten doch für uns selber die Gesetze der Marktwirtschaft einfach außer Acht lassen, auf jeglichen Zins verzichten – was bei der gegenwärtigen Situation auf dem Geldmarkt nicht so schwer sein sollte -  und uns mit der ökologischen Rendite zufrieden geben. Dann ist unsere Investition ein Geschenk an die Gesellschaft und an kommende Generationen – an unsere Enkel.  Es gälte hierfür die geeigneten Instrumente zu finden, die dafür sorgen, dass diese Investitionen wirklich nur dem Gemeinwohl zugutekommen. Ideen gibt es hierfür schon.

Und im Übrigen: es ist ja gar nicht so, dass sich eine neue PV-Anlage nicht mehr rechnet. Ja, sie rechnet sich nicht mehr so gut wie das schon einmal war, aber mit Modellen wie z.B. Stromeigenverbrauch im Einfamilien-wohnhaus oder einem Mieterstrommodell bei Mehrfamilienwohnhäusern rechnet sich die Photovoltaik immer noch.

Wir müssen selbst handeln, wenn sich etwas ändern soll – das ist meine Erfahrung aus dem Reaktorunfall von Tschernobyl, als Politik und Energieversorger nicht bereit waren, etwas zu ändern und wir in Schönau rebellisch die Dinge selbst in die Hand genommen haben. Die Übernahme des Stromnetzes und der Stromversorgung in Schönau war nur mit diesem „rebellischen Geist“ möglich, sieben Jahre Kampf und zwei Bürgerentscheide hat es gebraucht, bis die Schönauer Bürger sich gegen die Übermacht des großen Energieversorgers und die lokalen Widerstände durchsetzen konnten. Auch die Belegung unserer evangelischen Kirche in Schönau 1998 mit einer großen Photovoltaik-Anlage den „Schönauer Schöpfungsfenstern“ war nur mit einer „Solarrevolution“ möglich. Das Denkmalamt hatte eine PV-Anlage auf der Kirche untersagt, doch der Ältestenrat der Kirche und die Schönauer Bürger wollten das nicht hinnehmen und errichteten die Anlage zunächst ohne Genehmigung, die daraufhin jedoch von der obersten Denkmalbehörde nachträglich erteilt wurde. Heute kämpfen wir für das in der Verfassung verbriefte Recht der Kommunen, die Energieversorgung in eigener Regie zu betreiben, was durch das kartellrechtliche Regime konsequent verhindert wird.

Mit „Rebellion“ gegen die Ohnmächtigkeit ankämpfen heißt, von der Ohnmacht in die Macht zu kommen, in die Macht, selbst etwas zu ändern, auch wenn es schwierig ist und kaum realisierbar scheint. Und dann Erfolg zu haben – das gibt einen Motivationsschub für weitere Aktivitäten und weitet dabei auch den Kreis der Engagierten aus. Genau das haben wir immer wieder erlebt. Und es macht einfach auch Spaß, einem Dinosaurier – und das sind die großen Energieversorger –mit – übertragen gesagt- einem spitzen Gegenstand an die empfindlichste Stelle zu stechen, dass dieser einen großen Satz macht und sich bewegt.

Wir müssen bei unserem Handeln auch bereit sein, in ganz neue Richtungen zu denken, denn so viel ist klar: wir müssen uns verabschieden, von dem Gedanken des stetigen Wachstums und immer währenden Konsumierens, von der Befriedigung eigener materieller Bedürfnisse ohne Rücksicht auf Umwelt und Mitmenschen, wo auch immer auf der Welt sich diese befinden.

Die Energiewende ist keine technische Veranstaltung, sondern sie muss von uns mit Leben gefüllt werden. Die Erneuerbaren Energien sind dezentral, das heißt wir müssen mit der Energiewende auch eine Strukturwende vollziehen: weg von den zentralistischen Strukturen hin zu dezentralen Strukturen, da sind wir Bürger, die Kommunen und örtliche Gemeinschaften gefragt. Wir als Bürger, als Verbraucher, als Stromkunden, als Wähler müssen aber auch Druck auf Politik und Wirtschaft machen mit allen uns zur Verfügung stehenden Möglichkeiten: auf der Straße und im persönlichen Gespräch. Wir müssen durch unser eigenes Handeln Handlungsdruck erzeugen, und notfalls auch nicht davor zurückschrecken, Gerichte anzurufen. Wir müssen uns miteinander vernetzen und voneinander lernen. Und trotz all dem notwendigen Druck nicht auf „die da oben warten“, sondern einfach die Dinge selbst in die Hand nehmen, so wie die Schönauer Bürger und viele andere das nach Tschernobyl und Fukushima getan haben.

Der rebellische Geist, der Falsches nicht einfach hinnehmen sondern verändern will, braucht als erstes eine klare Vision und Zielsetzung, für die er sich mit seiner ganzen Kraft engagieren will.

So ging es uns nach Tschernobyl. Die Vision war klar: wir wollten eine gesunde, atomfreie Energieversorgung. Doch um das zu erreichen, brauchten wir dringend neue Fähigkeiten.

Wir alle sind ja im Besitz von unendlich vielen Fähigkeiten und Ressourcen, die wir mit auf die Welt mitbringen, von denen wir aber nur einen kleinen Teil nutzen. Wir müssen nur einen Zugang zu dem großen Ressourcenreservoir finden, um an die neuen Fähigkeiten zu kommen.

Die erste und vielleicht die wichtigste Ressource ist die Empathie. Empathie ist vereinfacht gesagt die Fähigkeit, Menschen lieben zu können. Das klingt zwar sehr banal, ist aber manchmal gar nicht so einfach.

Empathie ist die Voraussetzung, um überhaupt mit Menschen in guten Kontakt zu kommen, um Vertrauen zu gewinnen. Um Mehrheiten zu gewinnen – wie etwa bei uns bei den beiden Bürgerentscheiden – bedarf es in allererster Linie der Empathie, die einem auch hilft mit Ablehnung umgehen zu können.

Die Fähigkeit zu Solidarität gehört auch in diese Ressourcengruppe. Nur durch solidarisches Handeln bei der gemeinsamen Arbeit in der Gruppe oder mit den vielen engagierten Mitstreitern konnten wir unsere Ziele erreichen. Solidarität gepaart mit Lebensfreude und Lebenslust brauchen wir unbedingt, um einerseits ausgiebig Etappensiege zu feiern und andererseits auch nach Niederlagen gemeinsam positive Trotzreaktionen entwickeln zu können.  

Dazu braucht man noch eine ganz wichtige Ressource, nämlich die Fähigkeit zur Resilienz. Nur wenn wir diese Fähigkeit haben, können wir auch Meinungen aktiv vertreten, auch wenn unsere Meinung noch von der Mehrheit abgelehnt wird, ohne dabei den respektvollen Umgang zu unseren Mitmenschen verlieren. Diese innere Widerstandkraft ist gleichsam der lange Atem, damit wir unsere Ziele nicht aus den Augen verlieren und mit Widerständen umgehen können,  dazu gehört auch eine große Portion Sturheit.

Unsere tolle Ressource - die Kreativität - hilft uns pfiffige und für unsere Gegner nicht vorhersagbare Wege zu entwickeln, wie wir schwierige Situationen erfolgreich meistern können. Sturheit gepaart mit Pfiffigkeit war eines unserer Erfolgsrezepte. Und damit gewinnt man gleichzeitig Achtung und Vertrauen.

Und die Kompetenz. Wenn wir kompetent sein wollen, dann müssen wir Bescheid wissen, denn nur dann können wir mit Sachverstand informieren und diskutieren. Und wir werden feststellen, dass es Spaß macht, Dinge zu verstehen und an Stellen mitzudiskutieren oder gar überzeugen zu können, wo man es vorher nicht konnte.

Das Wichtigste aber ist, Vertrauen in sich selbst, in die eigene Handlungsfähigkeit zu haben, und auch das Vertrauen der Menschen zu gewinnen. Vertrauen bekomme ich aber nur geschenkt, wenn das eigene Handeln nicht im Widerspruch zu den Visionen und Zielen steht. Eine enkelfreundliche Zukunft – es lohnt sich, an der Realisierung dieser Vision dabei zu sein. 

Zum Schluss möchte ich Ihnen ein Bild mitgeben. Das Bild der zwei entgegengesetzten Pole und unserem Selbstverständnis.  

Auf der einen Seite: „Auf mich kommt es an“. Ich verändere die Welt durch mein Tun und Lassen, ich bin ein ganz wichtiger Bestandteil dieses Kosmos, es geschieht nichts ohne mich.

 Auf der anderen Seite: „Ich bin ein Muckenschiss im Weltall“ – so klein, so unbedeutend. Es ist egal, was ich tue, es ändert nichts am Gesamten. 

So, und zwischen diesen beiden Polen müssen wir uns nun entscheiden – wo will ich stehen, wie schätze ich mein Leben und mich selbst ein. Wir in Schönau haben uns gegen die Muckenschiss – Fraktion entschieden und ich hoffe, Sie machen das genauso.

 

Rottweil, den 17. April 2016 / Ursula Sladek